Der Groschen, der mir durch Herr Renz-Polster fiel, schafft eine grundsätzlich andere, positivere und entspanntere Erziehungshaltung. Wir gehen heute nämlich gemeinhin von einem Defektmodell in der Erziehung unserer Kinder aus. Wir sehen Kinder als noch nicht fertige, defizitäre Menschen, die während der Kindheit viele Dinge lernen müssen, um zu einem “fertigen” Menschen zu werden. Es geht also in der Erziehung ständing darum, Defizite auszugleichen. Aus Sicht der Evolution ist das eine grundsätzlich falsche Annahme, denn der Mensch hat auf jeder einzelnen Entwicklungsstufe genau das Rüstzeug, das er braucht. Ist es zum Beispiel am Anfang des Lebens von enormer Bedeutung sprechen zu lernen, finden sich im menschlichen Gehirn genau zu dieser Zeit Voraussetzungen, die das Erlernen von Sprache wie von selbst, nach einem vorgegebenen Programm, ermöglichen. Wenig später ist das Erlernen einer Sprache nur noch mit intellektueller Anstrengung möglich. Unsere Kinder sind also in keiner Phase defizitär, sondern uns Erwachsenen in vielem haushoch überlegen! Ein solches Entwicklungsprogramm trägt der Mensch für sein ganzes Leben in sich und ist so auf jeder Stufe seines Lebens optimal gerüstet. Die Fähigkeit, philosophisch zu denken, mag zum Beispiel im Alter viel ausgeprägter sein.
Diese Erkenntnis hilft einem auch, die Phase der viel beschimpften Pubertät in einem sehr positiven Licht zu sehen. In dieser Zeit hat der Mensch wenig Angst, verheilen Verletzungen extrem schnell und gut. Wir sind neugierig, möchten die Welt verändern und verbessern. Daher wurden praktisch alle wichtigen Erfindungen der Menschheit von Jugendlichen gemacht. Die ersten Menschen, die das Feuer zähmten waren sicher in jugendlichem Alter
. Sobald man sich das alles klar macht, wird deutlich, dass unsere Aufgabe als Eltern viel weniger das aktive “Erziehen” sein sollte, sondern vielmehr die Schaffung eines stabilen Rahmens, der den möglichst reibungslosen Ablauf dieses von der Natur vorgegebenen Entwicklungsprogramms ermöglicht.
Was hat dies alles jetzt mit dem kindlichen Essverhalten zu tun? Bezeichnenderweise trät das erste Kapitel von Renz-Polsters Buchs den Titel “Warum Kinder keinen Broccoli mögen”. Auch beim Thema Essen tragen wir ein automatisch ablaufendes Entwicklungsprogramm in uns, das uns möglichst hohe Überlebenschancen einräumt. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte verbrachten wir als Jäger und Sammler und daher sind wir evolutionär an diesen Lebensstil optimal angepasst. Fast alle heute gängigen Gemüsesorten wie Karotten, Broccoli, Kohlrabi und vieles mehr, sind Züchtungen der letzten 200 Jahre und in ihrer ursprünglichen, wilden Form für den Menschen ungeniessbar oder sogar giftig. Das erklärt auch, warum Inuit oder Menschen in extreme trockenen Zonen der Erde, in denen gar kein Gemüse angebaut werden konnte, durchaus nicht mangelernährt waren. Vielleicht ist unsere Annahme, dass Gemüse überlebenswichtig ist, gar nicht richtig? Die Hauptnahrungsquellen der nomadisch und halb-nomadisch lebenden Menschen waren von jeher Fisch, Fleisch und viele Knollen und Nüsse für die Kohlenhydrate. Gemüse und Beeren waren nur mal sporadisch oder gar nicht vorhanden.
Stellt man sich das Leben eines Kleinkindes in einer nomadischen oder halb-nomadischen Menschengruppe vor, so bewegte es sich natürlich sobald es krabbeln oder laufen konnte in sicherem Abstand von seiner Mutter in der Natur. Es war für das Kind überlebenswichtig, dass es eben nicht irgendwelche Blätter und Beeren wahllos in seinen Mund steckte. Vielmehr brauchte es einen eingebauten Warnmechanismus, der es vor giftigen Pflanzen schützte. Und auch die Pflanzen haben ja ein Interesse, nicht gegessen zu werden. Genau aus diesem Grund sorgen sie mit Bitterstoffen dafür, dass wir sie nicht mögen. Der Geschmackssinn des Menschen funktioniert dabei wie eine Art Kompass. Schmeckt etwas süß, weist das auf Reife und viele Kohlenhydrate hin, schmeckt etwas sauer, wissen wir, es ist entweder unreif oder verdorben, in jedem Fall kalorisch minderwertig. Schmeckt ein Kind etwas Bitteres, signalisiert dieser Geschmack Gefahr. Er weist auf Gift oder Ungenießbarkeit hin. Der Mensch braucht diesen Kompass ganz dringend, denn er kommt von allen Säugetieren dem “Allesfresser” am nächsten. Das macht ihn sehr unabhängig von einem bestimmten Nahrungsangebot, aber dadurch gibt es keinen Instinkt, der einprogrammiert werden kann. Er muss “lernen” was ihm bekommt und auswählen – “ob gegrillte Vogelspinnen oder Fruchtzwerge”(ebd., S. 20)
Herr Renz-Polster bezeichnet die kindlichen geschmacklichen Eskapaden daher als “von der Natur vorgesehen” (ebd., S. 19), sie sind nicht unvernünftig. Dieser bei Kindern eingebaute Schutzmechanismus kann nur durch Erfahrung überschrieben werden. Wenn das Kind also immer wieder sieht, dass Broccoli trotz des bitteren Geschmacks von den Eltern geliebt und oft gegessen wird und diese davon nicht krank zu werden scheinen, dann wird es sich vielleicht irgendwann dazu hinreissen lassen, noch einmal ein ganz kleines Stückchen davon zu probieren und ihn schliesslich wahrscheinlich auch wirklich mögen. Je vorsichtiger und ängstlicher ein Kind charakterlich ist, desto länger wird es zum “Überschreiben” des Warnprogramms brauchen. Man sollte daher auch immer nur eine ganz kleine Probiermenge anbieten, wenn man ein neues Gemüse einführt und mit einem Zeitraum von mindestens zwei Wochen rechnen, bis das Gemüse akzeptiert wird.
“Fassen wir zusammen. Kinder bewerten das Nahrungsangebot nach dessen Sicherheit und nach dessen Überlebenswert: Süßes, Eiweißhaltiges und Fettes weist auf problemfreie, energiereiche “Überlebensnahrung” und wird deshalb bevorzugt. Bitteres und Saueres dagegen wird kritisch gewertet – schließlich steht es für wenig Nahrhaftes, möglicherweise Verdorbenes oder sogar Giftiges. Das führt uns zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Dass Kinder Nutella und Pommes frites gegenüber Selleriestängeln und Spinat bevorzugen, hat einen sinnvollen Hintergrund. Wer Kalorienbomben bevorzugte, kam besser über die nächste Notzeit. Und auch der kritische Blick auf das Gemüse hat sich nicht aus Trotz gegen die Eltern entwickelt, sondern als Vorsichtsmaßnahme in einer mit giftigen Pflanzen beladenen Umwelt!”(ebd., S. 21)
Buchtipp: Renz-Polster, Herbert: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. 6. bearb. und erg. Auflage (2013). München: Kösel, ISBN-13: 978-3466308248, 512 Seiten, 19,95 Euro.








